Arbeitskreis "Verbände" der DVPW
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DVPW-Rundbrief Nr. 112, Frühjahr 1995
ARBEITSKREIS "VERBÄNDE"
Verbände sind ein klassischer Forschungsbereich der Politischen Soziologie. Facettenreich und multifunktional wirken Verbände in der modernen Gesellschaft - sei es als Initiatoren gesellschaftlichen Wandels, sei es als Verteidiger und Stabilisierer des Status quo. Verbände bieten Dienstleistungen an und treten somit als Konkurrenten von Unternehmen am Markt auf. Gleichzeitig nehmen sie (zumeist politikfeldspezifisch differenziert) an Policy-Prozessen teil und sind auf unterschiedlichen Politikebenen mehr oder weniger institutionalisiert in politische Interessenvermittlungssysteme eingebunden. Verbände verfügen mitunter über bessere Einfluß- und Umsetzungsmöglichkeiten als die staatliche Bürokratie oder die Parteien.
Während es kaum einen Arbeitskreis in der DVPW gibt, der in seiner Forschung nicht mit dem Wirken organisierter Interessen in Berührung kommt, sind Verbände als spezifische Form organisierter Interessen in den letzten Jahren im Rahmen der Sektion "Politische Soziologie" der DVPW nicht mehr als eigenständiger Beobachtungsgegenstand explizit fokussiert worden (wenngleich die Korporatismus- und Bewegungsforschung immer auch Verbände thematisierte). In dieser Situation hat eine Gruppe von PolitikwissenschaftlerInnen und SoziologInnen die Initiative zur (Wieder-)Gründung eines Arbeitskreises "Verbände" übernommen. Kristallisations- und Ausgangspunkt bildete eine "Forschungs-Initiative Verbände" (five), die an der FernUniversität Hagen unter der Leitung von Ulrich von Alemann und Ralf Kleinfeld Ende 1993 eingerichtet worden war. Erweitert um KollegInnen aus Bochum, Kassel, Marburg und Berlin bildete sich eine Vorbereitungsgruppe, die auf Anregung seitens der Sektion Politische Soziologie die Gründung des Arbeitskreises "Verbände" und die Durchführung einer ersten Tagung im Rahmen des DVPW-Kongresses in Potsdam in Angriff nahm. Die Resonanz auf einen ersten "call for papers" war erfreulicherweise so groß, daß eine zweite Tagung des Arbeitskreises für Dezember 1994 in Hagen terminiert wurde.
Die konstituierende Sitzung des Arbeitskreises "Verbände" fand dann am 26.8.1994 in Potsdam statt. An dieser Sitzung nahmen rd. 60 Personen teil. Entsprechend dem Hauptthema des Kongresses beschäftigten sich die fünf Beiträge mit Aspekten der Europäisierung des Verbändesystems.
Fred Henneberger und Bernd Keller (beide Universität Konstanz) berichteten in Ihrem Beitrag über die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur Interessenvermittlung auf europäischer Ebene in Bezug auf die Arbeitsbeziehungen im öffentlichen Dienst, wobei die Identifizierung der relevanten Akteure sowie Hypothesen über Perspektiven und Rückwirkungen des Europäisierungsprozesses auf die Interessenvermittlung im öffentlichen Dienst im Mittelpunkt standen.
Helmut Voelzkow und Volker Eichener (beide Ruhr-Universität Bochum) stellten in Ihrem Beitrag ein gerade fertiggestelltes, von Ihnen herausgegebenes Buchprojekt über "Organisierte Interessen und Europa" vor, das politikfeldspezifische Akteurs- und Interaktionsmuster der europäischen Interessenvermittlung im Prozeß der "segmentierten Vergemeinschaftung" (Lepsius) analysiert. Hierbei ging es zentral um drei Fragen, die sich auf die Debatte zwischen funktionalistischen und institutionalistischen Erklärungsmustern zurückführen lassen: Frage nach der Entwicklung der Staatlichkeit der EG-Ebene und der Interdependenzen zwischen EG-Ebene und Verbänden, Frage der Prägung der Entwicklung des europäischen Verbändesystems durch Strukturen des politisch-administrativen Systems auf EG-Ebene sowie umgekehrt die Frage nach den Rückwirkungen, die Entwicklungen eines europäischen Verbändesystems auf die EG-Staatlichkeit haben können.
Volker Schneider und Edgar Grande (beide MPI Köln) stellten einen bereits in englischer Sprache veröffentlichten Beitrag über eine Netzwerkanalyse vor, die sich mit der Kontingenz kollektiven Handelns am Beispiel der Nutzergruppen der Telekommunikation in der BRD beschäftigte. Aufbauend auf einer kurzen theoretischen Problematisierung des Konzeptes "Kontingenzen kollektiven Handelns" ging ihr Beitrag auf die organisierte Repräsentation von Nutzerinteressen (allgemeine und spezifische Geschäfts- und Privatnutzer in Abgrenzung von Produzenten), auf die Involvierung der Nutzerinteressen im politischen Entscheidungsprozeß sowie auf die Frage nach der Interessenvermittlung und Ausbalancierung von Nutzerinteressen im Rahmen von allgemeinen Wirtschaftsinteressen (BDI, DIHT, ZVDH) ein.
Gerhard Fuchs (Akademie für Technikfolgenabschätzung Stuttgart) ging in seinem Beitrag, dem ebenfalls ein MPI-Projekt zugrunde lag, auf die Umstrukturierung des Telekom-Sektors auf der EG-Ebene ein. Die policy-orientierte Untersuchung, die auf einer teilnehmenden Beobachtung bei zwei Nutzerverbänden beruhte, benutzte einen breiten Begriff "organisierter Interessen". Gewarnt wird vor einer vorschnellen analytischen Parallelität von EG-Ebene und Nationalstaat mit Blick auf das Mehr-Ebenen-System der Interessenvermittlung, das zudem stark sektoral spezifiziert ist.
Klaus Armingeon (Universität Bern) schließlich beschäftigte sich in seinem Beitrag mit einem Vergleich der Arbeitsbeziehungen in den EG-Staaten und setzte sich mit sechs möglichen Erklärungen dafür auseinander, warum es auf EG-Ebene bislang noch keine Regelung der Beziehungen zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Staat gibt.
Im Anschluß an die Diskussion der Beiträge fanden erste Wahlen für den Vorstand des Arbeitskreises statt. Als Arbeitskreissprecher wurden Ulrich von Alemann (FernUniversität Hagen) und Bernhard Weßels (WZB Berlin) gewählt.
Die in Potsdam bereits anvisierte zweite Arbeitskreissitzung fand am 16. und 17. Dezember 1994 an der FernUniversität Hagen statt. An dem zweitägigen Workshop zum Thema "Wirtschafts- und sozialpolitische Interessenvermittlung", die von Ulrich von Alemann (FernUniversität Hagen) moderiert wurde, nahmen 30 VerbändeforscherInnen teil.
Das Eröffnungsreferat am Freitag von Ralf Kleinfeld (FernUniversität Hagen), Josef Schmid (Ruhr-Universität Bochum) und Annette Zimmer (GH Kassel) präsentierte eine Diagnose des "present state of the art". Sowohl theoriehistorische als auch aktuelle Ansätze der Verbändeforschung und die Rezeptionen In der Verbändeliteratur wurden reflektiert, um darauf aufbauend Perspektiven für eine künftige Agenda der Forschung aufzuzeigen.
Auf diesen Vortrag bezogen sich die anschließenden Statements von Helmut Wiesenthal (Max-Planck-Ges. Berlin), Volker Ronge (Bergische Universität Wuppertal) und Rolf G. Heinze (Ruhr-Universität Bochum). Sie regten damit eine lebhafte Plenumsdebatte über die verbändetheoretische Modellbildung und aktuelle Entwicklungstrends verbandlicher Organisationen wie beispielsweise deren Ökonomisierung an.
Am zweiten Veranstaltungstag stellten Susanne Angerhausen (Universität Bremen) und Holger Backhaus-Maul (Martin-Luther-Univ. Halle-Wittenberg) empirische Befunde aus einem noch laufenden Forschungsprojekt "Transformation intermediärer Organisationen im deutschen Einigungsprozeß" vor. Es lassen sich nicht nur Varianten im verbandlichen Selbstverständnis als Leistungsträger zwischen den einzelnen Verbänden in den neuen Bundesländern nachweisen, sondern es werden darüber hinaus auch Unterschiede zu den Wohlfahrtsverbänden in den Altbundesländern deutlich. In den neuen Bundesländern beschränken sich die Wohlfahrtsverbände auf die Funktion eines Trägers öffentlicher Aufgaben mit einem spezifischen Leistungsverständnis, in dessen Mittelpunkt die Vorstellung von einer flächendeckenden, standardisierten, kostendeckenden und staatlich finanzierten Grundversorgung steht.
Am Beispiel dreier Gruppen von Sozialstaatsklienten, den Rentnern und Pensionären, den Arbeitslosen und den Armen arbeitete Thomas von Winter (Philipps-Universität Marburg) deren unterschiedlich ausgeprägte Organisations- und Konfliktfähigkeit heraus und kam zu dem Schluß, daß "die Sozialleistungsempfänger, vor allem bestimmte Gruppen unter ihnen, nicht ganz so schwach sind, wie es häufig scheint', da sie die entsprechenden Interessen- und Gruppeneigenschaften aufweisen und Organisationsprobleme, die auf einem motivationalen und finanziellen Ressourcendefizit basieren, durch moralische und politische Unternehmer oder politische Sponsoren kompensiert werden können.
Manfred Groser (Universität Bamberg) machte den Wandel im System ärztlicher Interessenvermittlung an den Kriterien Machtverlust, Legitimationskrise, dem Auftreten von Verteilungskonflikten und verbandlicher Fragmentierung fest und entwickelte ein mehrstufiges Erklärungsmodell für die sich in unterschiedlichen historischen Situationen jeweils neu herauskristallisierenden institutionellen Alternativen des jeweiligen Vertragsmanagements.
Roland Czada (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln) identifizierte drei Grundformen der Interessenvermittlung, die im Zusammenhang mit der Treuhandanstalt relevant sind: die pluralistische Einflußpolitik, die korporatistische Verbändeeinbindung und die administrative Interessenvermittlung. In den pluralistischen Beziehungen tritt die Treuhandanstalt in erster Linie als Einflußadressat auf, während sich im Verwaltungsrat der THA eher korporatistische Verhandlungsnetzwerke spiegeln und in den Beiräten sich eine administrative Interessenvermittlung festmachen läßt.
Fred Henneberger (Universität Konstanz) und Jörg Rosdücher (WSI des DGB Düsseldorf) analysierten die Entstehung, Entwicklung und die Organisationsproblematik der Arbeitgeberverbände in den neuen Bundesländern in einer vergleichenden Perspektive zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst. Die Referenten resümierten, daß der Strukturtransfer im öffentlichen Dienst aufgrund bestehender Interessenkongruenzen der Mitgliedsverbände sich weniger problematisch gestaltete als in der Privatwirtschaft
Dem organisierten Protestantismus, einem bislang stark vernachlässigten Sujet der politikwissenschaftlichen Verbändeforschung, widmete sich Ulrich Willems (Technische Hochschule Darmstadt). Er benannte die bestehenden Forschungsdefizite und stellte Unsicherheiten der Politikwissenschaftler in der Bestimmung des von den Kirchen vertretenen Typus von Forderungen fest, deren Ursache er im für die Disziplin konstitutiven Begriffs des Interesses sieht. Willems unterbreitete einen Differenzierungsvorschlag organisierter politischer Forderungen in Interesse, Wertorientierung und moralische Forderung. Diesen drei Typen von Forderungen ordnet er unterschiedliche Logiken der Durchsetzung und Verteilung zu: die "Logik der Verteilung", die "Logik der Anerkennung" und die "Logik der Universalisierung".
Die TeilnehmerInnen einigten sich auf der Hagener Veranstaltung auf das Thema "Verbände in vergleichender Perspektive" als Rahmenthema für die im Herbst 1995 in Aussicht genommene Arbeitskreistagung am Wissenschaftszentrum Berlin.
Kontaktadressen der Arbeitskreissprecher:
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