Arbeitskreis "Verbände" der DVPW

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DVPW-Rundbrief Nr. 114, Frühjahr 1996

ARBEITSKREIS "VERBÄNDE"

Die Resonanz auf den Arbeitskreis hat seit seiner Konstituierung im August 1994 stetig zugenommen. Erfreulicherweise zählen sich inzwischen fast 100 Kolleginnen und Kollegen zu seinen Mitgliedern. Ebenso erfreulich ist die Resonanz auf die Tagungen des Arbeitskreises, die bislang immer mehr als 40 Teilnehmer zählten. Das bestätigt die Initiative, diesen Arbeitskreis ins Leben zu rufen.

 Die dritte Tagung des Arbeitskreises fand am 17. und 18. November 1995 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung statt. Die vorherigen Tagungen hatten deutlich gemacht, daß auf unterschiedliche Weise in vielen Arbeiten der Vergleich implizit als Methode gewählt wird, ohne ihn jedoch thematisch zu explizieren.. Aus diesem Grunde wurde die Tagung unter dem Thema "Verbände in vergleichender Perspektive" einberufen, um die gleichsam im Hintergrund vieler Arbeiten mitlaufende Vergleichsperspektive transparenter und ihre Fruchtbarkeit deutlich zu machen. Vorgelegt wurden Papiere zum Verbände-, Zeit-, und internationalen Vergleich. Eingeleitet wurde die Tagung durch ein Kurzreferat von Bernhard Weßels zu den Problemen und Perspektiven des Vergleichs in der Verbändeforschung.

Die drei verbandsvergleichenden Beiträge beschäftigten sich in unterschiedlicher Weise mit dem Mitgliederproblem von Verbänden. Wilfried Ettl und Jörg Zander (beide MPG, AG Transformationsprozesse an der Humboldt-Universität zu Berlin) legten ein Papier zur tarifpolitischen Thematisierung des Beschäftigungsproblems in den Arbeitgeberverbänden der deutschen Metall- und Chemieindustrie vor. Die Möglichkeit, über die Themen Deregulierung und Flexibilisierung die Mitglieder stärker an sich zu binden und kollektive Interessen zu kreieren, muß aufgrund der betrieblichen Spielräume als gescheitert angesehen werden. Das Papier von Wolfgang Schröder (Abt. Grundsatzfragen der IG Metall, Frankfurt) verweist ebenfalls auf das Mitgliederproblem der Unternehmerverbände in der Metall- und Elektroindustrie. Anhand einer empirischen Studie über 161 Unternehmen in vier ost- und westdeutschen Regionen 1990-94 lassen sich klare Integrationsprobleme der Verbände erkennen. Organisationsgrade sind z. T. beträchtlich zurückgegangen. Neben der "Flucht" aus den Verbänden spielt die Verbandsabstinenz aber eine ebenso große Rolle. Dieser Umstand stellt nicht nur die Unternehmerverbände, sondern auch die Gewerkschaften tarifpolitisch vor Probleme. Annette Zimmer und Stefan Nährlich (beide Universität GHK Kassel) untersuchten die Schwierigkeiten traditioneller ideeller Verbände (Diakonie, Rotes Kreuz) bei der Spendeneinwerbung und ehrenamtlichem Engagement, ein Problem, das vielleicht analog zu den Mitgliederproblemen zu sehen ist. Die wertgeladenen Organisationskulturen erweisen sich dabei in gewissem Grad als Bremse organisatorischen Wandels und organisatorischer Anpassung an immer mehr "Markt" in diesem Bereich von Verbänden.

Joachim Amm (Universität Dresden) stellte Ergebnisse seiner zeit- und verbandsvergleichenden Studie zur Anpassungsleistung von U.S.-amerikanischen Interessenverbänden (Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände, Natur- und Umweltorganisationen) vor. Lediglich zwei der untersuchten 56 Verbände haben sich dieser Ende der 60er Jahre aufkommenden Thematik verschlossen; alle anderen haben darauf, je nach Interessenlage unterschiedlich, reagiert: Wirtschaftsverbände negativ, Gewerkschaften mehrheitlich positiv, Natur- und Umweltorganisationen mit einer "Ökologisierung" des Themas. Insgesamt hat sich das System des Verbändepluralismus in den USA zwar in diesem Themenbereich durchaus bewährt, allerdings hat sich auch die Konfliktträchtigkeit erhöht.

Die große Zahl der Tagungsbeiträge war international vergleichend angelegt. Drei Beiträge widmeten sich Zwei-Länder-Vergleichen. Wolfgang Luthardt (Freie Universität Berlin) stellte am Beispiel direktdemokratischer Verfahren in der Schweiz und in Kalifornien die Frage nach der Rolle der Verbände in der Interessenvermittlung. Anhand einiger Befunde diskutierte Luthardt, inwieweit Partizipation dem politischen Prozeß nützlich sein kann oder eher als Bremse wirkt und inwieweit der Begriff der Volkssouveränität angesichts der Vermittlung zwischen kollektiven Akteuren und einzelnem Bürger bei direktdemokratischen Entscheidungsprozessen noch angemessen ist. Hajo Weber (Universität Kaiserslautern) untersuchte am Vergleich Japan-Deutschland die Standortfaktoren mit Blick auf die Rolle der Verbände. Dabei stand die Frage im Vordergrund, welche Handlungsoption Verbände in bestimmten Stadien des Wirtschaftszyklus wählen und inwieweit die betriebsorientierte japanische Struktur gegenüber der industriezweig- und regionenbezogenen Struktur in Deutschland Flexibilitätsvorteile erbringt, die sich positiv für die Wirtschaftsentwicklung niederschlagen. Petra Stykow (MPG, AG Transformationsprozesse an der Humboldt-Universität zu Berlin) untersuchte die Genese der Wirtschaftsverbände im sich transformierenden Rußland. Als Vergleichsfolie dienten dabei theoretische Befunde der amerikanischen Verbändeforschung sowie empirische Ergebnisse zur Genese der Wirtschaftsverbände in den USA. Dabei zeigen sich wesentliche Abweichungen in der Entwicklung in Rußland. Funktionale Differenzierungsprozesse und Konfliktkonstellationen unterscheiden sich grundsätzlich vom westlichen ‘Modell’. Von einer Konvergenz der (Verbände-)Systeme nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime kann ihren Ergebnissen zufolge derzeit nicht ausgegangen werden. Zwei Beiträge widmeten sich dem Vergleich internationaler Dachverbände. Michael Nollert (Universität Zürich) präsentierte eine Analyse der Einflußchancen europäischer Dachverbände auf die Politikformulierung der Europäischen Union. Die Ergebnisse legen den Schluß nahe, daß die Euro-Verbände über größere Einflußpotentiale bei der Politikformulierung der EU verfügen als ihre nationalen Mitgliedsorganisationen bezüglich der nationalen Politik. Werner Reutter (Humboldt-Universität zu Berlin) zeigte in seiner Analyse der Struktur und Politik der internationalen Berufssekretariate, in welchem Maße Funktions- und Kompetenzwandel trotz Professionalisierung, Routinisierung und Globalisierung von den Imperativen der Mitgliedschaftslogik abhängen und geprägt werden, wenn Mitglieder eine so relativ starke Position haben wie in diesem Verbandstyp.

Zu Mehr-Ländervergleichen wurden zwei Papieren vorgelegt. Einem in der international vergleichenden Forschung vernachlässigten Verbändetypus wandte sich Josef Schmid (Ruhr-Universität Bochum) in seiner Analyse der Topographie westeuropäischer Wohlfahrtsverbände zu. Er konnte einen klaren Zusammenhang zwischen der Ausprägung des Staat-Kirche-Konflikts und der Funktion und Organisationsstruktur der Wohlfahrtsverbände aufzeigen. Damit ergibt sich auch eine Ko-Variation mit der Struktur des Wohlfahrtsstaates entsprechend der Wohlfahrtsverbändelandschaft. Volker Schneider (MPI für Gesellschaftsforschung, Köln) analysierte typologisch die Rolle der Verbände bei der Politikproduktion in Politiknetzwerken. Ihre Rolle hängt unter anderem von der unterschiedlichen Ausgestaltung der Netzwerke zwischen Körperschaften der territorialen Interessenrepräsentation und der gouvernemental-administrativen Arena und derern interner Struktur ab.

Der Arbeitskreis wird zum Thema des Vergleichs in der Verbändeforschung im Herbst einen Sammelband veröffentlichen, der von den Sprechern herausgegeben wird.

Die nächste Arbeitskreistagung ist für der Herbst 1996 in Kaiserslautern geplant. Die Mitglieder einigten sich auf das Thema "Willensbildung in Verbänden – Willensbildung durch Verbände". Den Mitgliedern des Arbeitskreises wird direkt ein "call for papers" zugehen. Interessenten, die bisher noch nicht zu den Mitgliedern zählen und zu dieser Tagung beitragen möchten, sind herzlich aufgefordert, die Sprecher des Arbeitskreises zu kontaktieren.

Kontaktadressen der Arbeitskreissprecher:

Prof. Dr. Ulrich von Alemann
FernUniversität -