Arbeitskreis "Verbände" der DVPW
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DVPW-Rundbrief Nr. 121, Herbst 1999
ARBEITSKREIS "VERBÄNDE"
Tagungsbericht "Interessengruppen, Verbände, Bewegungen und Demokratie in Deutschland 1945 1999" vom 2. 4. Juli 1999 im Franz Hitze Haus, Münster
Die Tagung des Arbeitskreises zum Thema "Interessengruppen, Verbände, Bewegungen und Demokratie in Deutschland 1945 1999", die diesmal in Münster stattfand, war mit etwa 60 TeilnehmerInnen gut besucht. Die Tagung wurde in Kooperation mit dem Franz Hitze Haus und dem Verein Aktive Bürgerschaft durchgeführt. Mit insgesamt 12 Vorträgen aus unterschiedlichen Bereichen wurde das weite Spektrum der Verbands- und Interessengruppenforschung sehr gut abgedeckt. Im einführenden Beitrag zum "Deutschen Modell der Interessenvermittlung" wurde von Bernhard Weßels (WZB) die Frage der Zukunftsfähigkeit des hiesigen Korporatismus angesichts der doppelten Herausforderung von Globalisierung sowie Pluralisierung der Lebensstile und damit der Erosion der großen Mitgliederorganisationen diskutiert. Bernhard Weßels Prognose für das Modell Deutschland fiel dabei keineswegs durchweg negativ aus. Wie die anschließende lebhafte Diskussion zeigte, wird die Zukunft des deutschen Korporatismus im wesentlichen von der Entwicklung in den neuen Ländern sowie von der Integration Europas bestimmt werden. Den neuen Ländern kam auch ein zentraler Stellenwert in dem Beitrag von Klaus Armingeon (Universität Bern) zu, der zum Thema "Gewerkschaften und industrielle Beziehungen" referierte. Nach seiner Analyse haben die Gewerkschaften durchaus gute Chancen, Rückgänge bei den Mitgliedern in der Kernarbeiterschaft durch Zugewinne bei den Angestellten wett zu machen. Als aussichtsreichste Adressatengruppe der Gewerkschaften identifizierte er die sogenannten sozio-kulturellen Spezialisten in den sozialen Dienstleistungsberufen. In der Tat zeichnet sich diese Gruppe in den alten Bundesländern durch eine kollektive Identität aus, die sich markant von der der klassischen Arbeitnehmerschaft unterscheidet. Allerdings ist dies in den neuen Bundesländern nicht der Fall, so daß im Hinblick auf politische Einstellungen kaum Unterschiede zwischen Angestellten bzw. sozio-kulturellen Spezialisten und der klassischen Arbeitnehmerschaft festzustellen sind. Insofern sehen sich die deutschen Gewerkschaften mit einem Dilemma konfrontiert: Richten sie ihr programmatisches Profil an den politischen Einstellungen der Angestellten in den sozialen Dienstleistungsberufen aus, so verlieren sie vermutlich nicht nur die Unterstützung der klassischen Arbeitnehmerschaft, sondern haben auch Mitgliedereinbußen in den neuen Bundesländern hinzunehmen. Halten sie jedoch am bestehenden Profil fest, so müssen sie auch in Zukunft aufgrund des strukturellen Wandels mit empfindlichen Mitgliedereinbußen rechnen. Je stärke jedoch die Mitgliederbasis zusammenschrumpft, desto geringer wird die Bedeutung der Gewerkschaften als konstitutives Element einer korporatistischen Interessenvermittlungsstruktur. Im Vergleich zu den Gewerkschaften scheinen die Kirchen in Deutschland, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wesentlich besser gelöst zu haben, so Ulrich Willems (Universität Hamburg), der in seinem Beitrag speziell auf die Frage einging, welche Rolle die Kirchen für die Demokratie in der Bundesrepublik spielten. Hierbei kam er insgesamt zu einer eher positiven Bilanz. Während in der Frühphase der Bundesrepublik etwa bis Mitte der 60er Jahre die Kirchen wesentlich dazu beigetragen haben, die noch junge Demokratie zu festigen, haben sie sich ab etwa der 70er Jahre zu "Managern von sozialen Aushandlungsprozessen" entwickelt. Nach der Einschätzung von Willems bieten die Kirchen heute in der Bundesrepublik einen gewissen Freiraum, in dem der Umgang mit moralischen Konflikten erlernt und Strategien der Konfliktbewältigung erprobt werden können. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ist anzumerken, daß die direkte Einflußnahme der Kirchen auf politische Grundsatzentscheidungen in der Frühphase der Bundesrepublik, die eine Re-Christianisierung der Gesellschaft zum Ziel hatten, in dem Referat wie auch in der anschließenden Diskussion sehr kritisch betrachtet worden. Roland Czada (FernUni GH Hagen) arbeitete in seinem Beitrag die Sequenzen und Kontingenzen der theoretischen Perspektiven und Konjunkturen der Verbändeforschung heraus. Von der frühen demokratietheoretischen Perspektive auf Verbände über die Debatte über den "Verbändestaat", den Neo-Korporatismus und jüngst Neo-Institutionalismus habe sich eine klar abgrenzbare Abfolge theoretischer Leitbilder ergeben, die weniger durch die Veränderung des Forschungsgegenstandes als durch Generationswechsel und Diffusion angelsächsischer Traditionen bedingt sind. Der Pluralismus als vorherrschendes Leitbild bis in die 70er Jahre wurde abgelöst durch Neo-Korporatismus, ab den 80er Jahren dann durch den Neo-Institutionalismus. Kritisch merkte Roland Czada an, daß die jüngste Entwicklung, der Neo-Institutionalismus, die in den Anfängen der bundesrepublikanischen Verbändeforschung so wichtige Frage nach Macht- und Herrschaftsverhältnissen nicht hinreichend berücksichtige. Allerdings gäbe es inzwischen Ansätze, dieses Defizit aufzubrechen. Globalisierung, die Entwicklung der Dienstleistungsgesellschaft und Entgrenzung würden pluralismustheoretische Ansätze wieder attraktiv machen. Möglicherweise sei die nächste Theoriekonjunktur im Verhältnis von sozialem Kapital und Demokratie zu verorten. Neben den "klassischen" Bereichen der Verbändeforschung wurde im Rahmen der Tagung schwerpunktmäßig auch auf den Einfluß der sozialen Bewegungen auf die Demokratieentwicklung in Deutschland eingegangen. Roland Roth (Fachhochschule Magdeburg) behandelte in seinem Beitrag "Die bewegte Bundesrepublik" vor allem die Schnittstellen zwischen Verbände- und Bewegungsforschung. Danach sind soziale Bewegungen inzwischen ein etablierter Bestandteil eines ausdifferenzierten Systems organisierter Interessen, dessen unterschiedliche Formen sich jeweils durch spezifische Logiken der intermediären Politik auszeichnen. Im Unterschied zu Parteien und Verbänden ist für Bewegungen die Nähe zum Bürger und zur Bürgerin sowie der Protest als spezifische Ausdrucksform konstitutiv. Im Rückblick auf die Bundesrepublik identifizierte Roland Roth drei spezifische Perioden der Bewegungsgeschichte. Während es in den 50er Jahren zu sogenannten paradoxen Mobilisierungen durch Parteien, Gewerkschaften sowie Verbänden kam, entwickelte sich, ausgelöst durch die Ostermarschbewegung, ab den 60er Jahren ein eigenständiger Bewegungssektor, der sich in der Folge zunehmend etablierte und institutionalisierte. Die aktuelle dritte Phase ist, so Roth, geprägt von der Erosion der Bewegungspolitik. Nach seiner Einschätzung ist es sehr ruhig geworden um die neuen sozialen Bewegungen. Es ist durchaus fraglich, ob es die Frauen- oder Ökobewegung überhaupt noch gibt. Zunehmend läßt sich eine Entwicklung hin zu Nonprofit Organisationen sowie zum klassischen Verbandswesen feststellen. Demgegenüber ist es in den 90er Jahren der Neuen Rechten gelungen, an Terrain zu gewinnen und ihre Mobilisierungsstärke deutlich zu erhöhen. Im Gegensatz zu früheren Bewegungen ist mit diesem Trend jedoch genau das Gegenteil eines Demokratisierungspotentials verbunden. Jochen Roose (WZB) ging in seinem Beitrag "Institutionalisierung von Bewegungen" ganz konkret auf die Etablierung von Bewegungsmilieus ein. Anhand umfangreichen statistischen Materials zeigte er, daß sowohl auf der Meso- wie auch auf der Makro-Ebene eine Institutionalisierung von Gruppen und Organisationen des Bewegungsmilieus stattgefunden hat. Bei den national wie auch bei den international tätigen Gruppen und Organisationen sind die Mitgliederzahlen seit den 80er Jahren relativ stabil, bei den Mitarbeiterzahlen lassen sich durchweg leichte Zunahmen feststellen. Waren die organisierten Interessen bisher eher aus einer Perspektive "von unten" betrachtet worden, so waren die letzten beiden Beiträge der Tagung eher durch eine Top-Down-Perspektive geprägt. Annette Zimmer (Universität Münster) ging in ihrem Beitrag auf die "Staatsentlastung durch Verbände und Vereine" ein. Nach ihrer Einschätzung gehört es zu den Spezifika des deutschen Modells, daß vorrangig korporative Akteure Vereine bzw. Verbände als "Subunternehmer des Staates" an der Erstellung öffentlicher Güter beteiligt sind. Momentan jedoch, so ihre These, läßt sich eine Re-Individualisierung feststellen, wobei der Staat an Verbänden und Vereinen vorbei und eingebettet in den zivilgesellschaftlichen Diskurs wieder verstärkt an die Verantwortlichkeit und das soziale Gewissen des Einzelnen appeliert. Einen Work in Progress Report "Internationalisierung der Interessenvermittlung" auf der EU-Ebene gab Rainer Eising (Universität Halle) in seinem Beitrag. Hierbei konzentrierte er sich auf das weite Feld der nichtwirtschaftlichen Interessenvertretung. Diese sogenannten "public interests" sind insbesondere geprägt von einem hohen Anteil an EU-Finanzierung. Obgleich sich aufgrund der bisherigen Forschungsergebnisse noch kein einheitliches Bild abzeichnet, so kann man dennoch festhalten, daß die Effizienz der Interessenvertretung auf der europäischen Ebene in hohem Maße abhängig ist von einer Angleichung der Interessenvermittlungssysteme der Mitgliedsländer. Ferner wurden im Rahmen der Tagung eine Reihe von verbandsspezifischen Analysen vorgestellt. Im einzelnen wurde von Dieter Wolf (Universität Bremen) der Bauernverband behandelt, von Wolfgang Schroeder (IG Metall) wurde auf die konzertierte Aktion als Vorläufer des Bündnis für Arbeit eingegangen, von Werner Reutter (Humboldt-Universität Berlin) wurde die Rolle der kommunalen Spitzenverbände für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland thematisiert, und schließlich wurde von Rolf Greve (Universität Münster) auf die Rolle der Genossenschaften und ihre derzeitige Standortbeschreibung zwischen Tradition und Innovation eingegangen. Wie auch bei den vorhergehenden Tagungen des Arbeitskreises ist geplant, die Ergebnisse der Tagung in einem Band zusammenzufassen, der bei Leske + Budrich verlegt wird.
Zukünftige Tagungen des AK/ "Call for Papers"
Auf der Mitgliederversammlung des Arbeitskreises, die im Anschluß an die Tagung stattfand, wurde das Programm für das kommende Jahr festgelegt. Als nächstes ist eine sogenannte offene Tagung geplant, auf der die Mitglieder des Arbeitskreises die Gelegenheit haben, aus ihren laufenden Forschungsvorhaben zu berichten. Auf Anregung der Mitgliederversammlung wird diese Tagung in Kooperation mit dem AK Nonprofit Organisationen durchgeführt. Sie steht unter dem Thema "Verbände- und Non-Profit-Forschung aktuell" und findet am 14. und 15. Juli 2000 in Düsseldorf an der Heinrich Heine Universität statt. Sie lädt insbesondere diejenigen ein, zur Tagung beizutragen, die an größeren Qualifikationsarbeiten oder -projekten im Bereich Verbände und/oder Non-Profit-Organisationen arbeiten. Die Tagung soll unter anderem dazu dienen, einen Überblick über die aktuellen Forschungsaktivitäten in den beiden Arbeitskreisen zu vermitteln und mögliche Komplementaritäten der Ansätze und Themen aufzuspüren und eine größere Öffentlichkeit in die Diskussion über Stand und Perspektiven der Forschung einbeziehen. Interessierte, die zur Tagung beitragen wollen, werden gebeten, Themenvorschläge (am besten per email) mit kurzem Abstract an wessels@medea.wz-berlin.de zu senden.
Desweiteren wurde beschlossen, daß der Arbeitskreis im Rahmen des DVPW Kongresses in Halle eine Sitzung zum Thema "Arbeitsbeziehung in einer entgrenzten Welt" unter Beteiligung namhafter Referenten aus dem Ausland durchführt. Nähere Einzelheiten zur Frühjahrstagung sowie zur Beteiligung des AK Verbände am Kongreß in Halle finden sich demnächst auf der Webseite des Arbeitskreises.
Wissenschaftspreis "Aktive Bürgerschaft"
Auf der Münsteraner Tagung des Arbeitskreises wurde erstmals der vom Verein Aktive Bürgerschaft gestiftete gleichnamige Wissenschaftspreis vergeben. Prämiert wurden die Arbeiten "Homo democraticus" von Sven-Uwe Schmitz sowie "Der Diskurs der Zivilgesellschaft" von Ansgar Klein. Auch im nächsten Jahr wird der Wissenschaftspreis "Aktive Bürgerschaft" wieder verliehen. Er wendet sich nicht nur an die Politikwissenschaft und Soziologie, sondern es sollen hervorragende Dissertationen und Habilitationen aus den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet werden, die sich mit dem Engagement von Einzelnen, Initiativen oder Organisationen im Dienst des Gemeinwohls beziehungsweise der Demokratie beschäftigten. Bewerbungs- und Einsendeschlu